Alles „Kein Problem!“ - Oder doch? Floskeln und Wertschätzung (Blog)

Alles „Kein Problem!“ - Oder doch? Floskeln und Wertschätzung (Blog)

Wäre es nicht viel wertschätzender einfach nur „Okay“ oder „Gern geschehen“ zu sagen?

Probleme überall

Der Ausdruck „Kein Problem!“ ist in aller Munde.

Beispiele:

  • Hast du nächste Woche Zeit?
  • Nein, nächste Woche kann ich nicht.
  • Kein Problem, dann treffen wir uns ein anderes Mal

  • Ihre Bestellung kommt in zwei Minuten. Die Kollegin ist gleich für Sie da!
  • Kein Problem, wir warten.

  • Danke, dass Sie mir beim Koffertragen geholfen haben.
  • Kein Problem!

  • Haben Sie auch Sachertorte?
  • Nein, leider nicht. Es gibt Käsekuchen, Marmorkuchen und frische Beerenschnitte mit Baiser.
  • Ok, kein Problem, dann nehme ich ein Stück Käsekuchen

    Einerseits kann ich diesen Ausdruck langsam nicht mehr hören. Andererseits ertappe ich mich selbst immer öfter und höre mich „Kein Problem!“ in allen möglichen Situationen sagen.

    Alles „Kein Problem!“

    Mir ist diese Floskel erst so richtig aufgefallen, als ich damals in eine andere Stadt, in ein anderes Bundesland und weg von meinem Ur-Freundeskreis aus der Heimat gezogen bin. In jenem Freundeskreis gebrauchten wir „Kein Problem!“ entweder sehr selten oder wenn es wirklich eine vorangegangene Problemstellung gab, die es zu lösen galt.

    Umso mehr irritierte es mich, als ich „Kein Problem“ plötzlich ständig hörte. Z.B als Antwort auf einen Gefallen, als Antwort auf eine Information, als Antwort auf eine Antwort und noch mehr.

    ...als Antwort auf einen Gefallen, als Antwort auf eine Information, als Antwort auf eine Antwort, ...

    Verwirrung

    Ich fragte mich: Wo ist denn jetzt das Problem? Es gab doch überhaupt keins. Dann gibt es doch nun noch viel weniger Platz für ein Problem und ich brauche nicht ständig betonen, dass es kein Problem gibt?

    Warum sollte es ein Problem sein, wenn der erste Vorschlag bei einer Terminabstimmung nicht passt? (Beispiel Treffen mit Freunden)

    Warum sollte es ein Problem sein, jemandem freiwillig einen Gefallen zu tun? (Beispiel Koffertragen)

    Warum sollte es ein Problem sein, dass es eine bestimmte Ware nicht gibt, jedoch genügend gleichwertige Alternativen vorhanden sind? (Beispiel Kuchen)

    Warum sollte es ein Problem sein, sich kurz zu gedulden - in einer Situation, die ohnehin mit Wartezeit verbunden ist und man zusätzlich nochmal darauf hingewiesen wurde?

    Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht begriffen hatte:

    Unverfängliche Redewendung

    Der Ausdruck „Kein Problem“ hat seine eigentliche Bedeutung verloren. Er ist zu einer Floskel geworden – eine nichts sagende, formelhafte und unverfängliche Redewendung, die leicht über die Lippen geht und niemanden in Verlegenheit bringt.

    Ich unterstelle, dass der Aspekt der Bescheidenheit - dass man keine Umstände machen will oder für eine selbstverständliche Freundlichkeit keinen Dank erwartet - zwar eine Rolle spielt, diese jedoch geringer ausfällt und ich deswegen nicht näher darauf eingehen möchte.

    Wer ist hier verlegen?

    Schätzen wir unser Gegenüber wirklich so unsicher und befangen ein, dass wir ihm/ihr gleich den Schutzmantel des „Kein Problem“ an die Hand geben müssen?

    In den oben genannten Beispielen hätte man genauso gut mit „Okay“, „Alles klar“ oder „Gern geschehen“ entgegnen oder die Floskel einfach ganz weglassen können.

    Es sind wohl viel mehr wir selbst, die unsicher sind, wenn wir alles mögliche mit „kein Problem“ abtun. Wir können es nicht ertragen, dass wir den Gesprächspartner in eine vermeintlich unangenehme Situation manövriert haben:

    Dass unser Gegenüber:

    • ‚Nein‘ sagen muss (Terminabstimmung)

    • Uns vertrösten muss (Wartezeit)

    • Uns dankbar ist und „in unserer Schuld steht“ (Gefallen)

    • Unsere Anfrage ablehnen muss (Kuchenbestellung)

    Wir können es nicht ertragen, dass wir den Gesprächspartner in eine vermeintlich unangenehme Situation manövriert haben

    Dabei ist ein Nein gleichwertig wie ein Ja. Ein Nein an sich aus zusprechen tut nicht weh. Vielmehr sind es die Erwartungen, die wir damit verknüpfen und durch die Schmerz z.B. in Form von Enttäuschung entstehen kann.

    Man kann nicht alles sofort haben und Grenzen auf zuzeigen ist völlig legitim und notwendig. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um einen Service, eigene Fähigkeiten, Gefühle oder eine Warenauswahl handelt.

    Grenzen setzen. Ja oder nein? (Podcast) | ZwischenMenschen.com

    Respekt und Wertschätzung

    Es steht jedem zu etwas zu verneinen, sowohl den anderen als auch mir selbst.

    Anstatt die Situation also die Ablehnung, das Nein und die Dankbarkeit anzunehmen, weisen wir sie von uns weg, indem wir mit „Kein Problem“ antworten.

    Wäre es nicht viel wertschätzender einfach nur „Okay“ oder „Gern geschehen“ zu sagen?

    Denn dies bedeutete:

    • Okay, ich habe verstanden und respektiere, dass es an dieser Stelle nicht weiter geht/ dass du keine Zeit hast/ dass es gerade nicht möglich ist.

    • Gern geschehen, es macht mir Freude, dass ich helfen konnte und ich nehme deine/Ihre Dankbarkeit an.

    Was denkst du darüber? Benutzt du auch oft "Kein Problem" als Redewendung? Wann hattest du das letzte Mal ein "echtes" Problem?

    Schreib einen Kommentar!

    2 Kommentare

    • Na Gott sei Dank ist endlich mal jemand auf dieses Dilemma eingegangen...
      Moment mal, hätte der allmächtige Herr heute zum Sonntag nichts besseres zu tun, als dafür Sorge zu tragen, ein mir wichtiges Thema von einer gescheiten Person aufarbeiten zu lassen? Fragen über Fragen, Floskeln über Floskeln, Fragen über Floskeln und eine Person, die sie alle beantworten kann...
      Bravo Sang!
      Viele Grüße und großes Lob aus der Heimat, du hast mich in die Sucht geführt.
      :-)
    • Großes Dankeschön, lieber Till! :)

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